Eine Weihnachtsgeschichte

oder: Das Licht am Rand des Platzes**

Niemand wusste genau, wann das Licht zum ersten Mal da war.

Es stand einfach plötzlich da.

Am Rand des Bolzplatzes.

Zwischen Zaun und Busch.

Ein einzelnes, warmes Licht – wie eine kleine Laterne.

Und das an einem Abend kurz vor Weihnachten.

Der Platz

Der Bolzplatz lag tiefer als die Straße.

Wenn es regnete, sammelte sich das Wasser dort wie in einer Schüssel.

Die Linien waren kaum noch zu sehen, der Boden matschig, die Tore rostig.

Aber trotzdem war es ihr Platz.

Hier trafen sich:

  • Kira, die schoss, als hätte sie immer Wut im Fuß
  • Finn, der mehr redete als lief
  • Sam, der meistens lachte, auch wenn ihm nicht danach war
  • und ein paar andere, die einfach Fußball liebten

Kein Trainer.

Kein Plan.

Nur spielen.

Das Licht

„Habt ihr das schon mal gesehen?“, fragte Sam.

Alle blieben stehen.

Da war es.

Eine kleine Lampe, leicht schief, mit warmem gelbem Schein.

Kein Kabel.

Kein Schild.

Keine Erklärung.

„Vielleicht von der Stadt“, meinte Finn.

„Oder jemand wohnt hier“, sagte Kira.

„Hier wohnt keiner“, antwortete Sam leise.

Sie spielten weiter.

Aber jeder schaute immer wieder zu dem Licht.

Die erste Nacht

Es fing an zu regnen.

Nicht doll. Aber genug, dass der Platz glänzte.

Das Licht blieb an.

Als sie nach Hause gingen, sagte Finn:

„Morgen gucken wir, ob’s noch da ist.“

Es bleibt

Am nächsten Abend:

Das Licht war noch da.

Am übernächsten auch.

Jemand hatte sogar eine kleine Bank daneben gestellt.

Und eine Thermoskanne.

„Okay, das ist jetzt gruselig“, sagte Kira.

„Oder nett“, meinte Sam.

Niemand setzte sich.

Gerüchte

In der Schule ging es rum.

„Da sitzt jemand nachts.“

„Vielleicht ein Obdachloser.“

„Oder ein alter Trainer.“

„Oder jemand, der früher hier gespielt hat.“

Einer behauptete, man habe eine Gestalt gesehen.

Ein anderer sagte, das Licht gehe aus, wenn man zu nah kommt.

Niemand wusste, was stimmte.

Der Abend, an dem alles still wurde

Kurz vor Weihnachten kam der Regen richtig.

Der Platz war unbespielbar.

Trotzdem standen sie da.

Unter Kapuzen.

Hände kalt.

Gedanken laut.

Das Licht brannte.

Plötzlich bewegte sich etwas daneben.

Alle erstarrten.

Eine Person trat ins Licht.

Langsam.

Mit einer dicken Jacke.

Und einem Schal.

Ein älterer Mann.

Er hob die Hand.

Nicht zum Winken.

Mehr so… beruhigend.

„Keine Angst“, sagte er.

„Ich geh gleich wieder.“

Die Geschichte des Lichts

Er erzählte nicht viel.

Nur das Nötigste.

Dass er früher jeden Abend hier war.

Dass sein Sohn hier gespielt hatte.

Dass sie sich oft gestritten hatten.

Über Fußball. Über Noten. Über alles.

„Und dann“, sagte der Mann,

„kam der Abend, an dem wir gesagt haben: Morgen reden wir.“

Es gab kein Morgen.

Stille.

„Ich stelle das Licht hier hin“, sagte er schließlich,

„damit der Platz nicht ganz dunkel ist.“

Der Abschied

Er nahm die Lampe.

„Ihr könnt sie behalten“, sagte er.

„Oder weitergeben.“

Dann ging er.

Keiner hielt ihn auf.

Der Sinn – ganz leise

An diesem Abend spielten sie nicht.

Sie saßen nur da.

Und irgendwann sagte Finn:

„Vielleicht ist das Licht nicht für den Platz.“

Kira nickte.

„Vielleicht ist es für uns.“

Weihnachten

Seitdem steht die Lampe da.

Nicht jeden Tag.

Aber oft.

Manchmal mit Kakao.

Manchmal mit Gesprächen.

Manchmal einfach nur mit Stille.

Und vielleicht ist das Weihnachten:

Ein Licht, das bleibt,

auch wenn man nicht spielt,

nicht gewinnt

und nicht alles richtig macht.